Naturfotografie
Eine Annäherung

 

An Definitionen haben sich schon viele versucht. Die Betonung liegt hier auf versucht, denn abschließend geklärt scheint die Materie bisher nicht zu sein. Noch relativ klar und einleuchtend erscheint, dass Naturfotografie nicht nur Tier- aber eben auch nicht nur Landschaftsfotografie sein kann. Haustiere: Hunde, Katzen, der Hamster im Hamsterrad, auch wenn er noch so pausbackig-knuffig sein mag, er ist und bleibt im Sinne von Naturfotografie ausgeschlossen. Zumindest soweit ist man sich einig. Dann aber fängt es schon an: Nutztiere, menschliche Spuren. Der Zaun macht ein Naturfoto als solches unbrauchbar, weil menschengemacht. Den Weingarten, auch Menschenwerk, lässt man schon eher gelten, zumal dann, wenn ein Reh zwischen den geraden Linien auftaucht. So gesehen sind auch die meisten Wälder von Menschenhand gepflanzt und aufgeforstet, vor allem in den Landstrichen, wo Fichtenmonokulturen den Ton angeben. Und niemandem würde wohl einfallen, das Bild eines Rehbocks, dessen Geweih zwischen den Schatten der Bäume vom ersten Licht angestrahlt wird, nicht als Naturfoto zu werten.

Natur – Kultur, wo ist die Grenze? Eine klare Abgrenzung kann es nicht geben. Es kommt wohl immer auf das Bild an. Aber woran sich dann halten? Wie in Streitfällen argumentieren?

 

Die Frage, wo Kultur endet und Natur beginnt, stellen viele. In unserer sind es immer mehr Menschen. Die einen betreiben Naturfotorafie in fernen Ländern, reinen um den halben Globus um eine bestimmte Art zu fotografieren oder eine Region mit der Kamera zu erkunden. Seltenheit, Unberührtheit, Wälder und Eiswüsten fernab dessen, was wir Zivilisation nennen – das ist für sie Wildnis. Natur beginnt dort, wo menschliche Hinterlassenschaften aufhören. Das ist aber nur die eine Sichtweise. Während die einen viel Zeit in die Organisation und Logistik solcher Trips zu den abgelegensten Winkeln dieser Erde investieren, Nerven im Behörden- und Genehmigungswirrwarr verlieren, gestresst von einem Flieger zum nächsten hetzen, da setzen andere einfach den Fuß nach dem Frühstück vor die Haustür und sind schon mittendrin in dem, was sie Natur nennen. Die Fotografie vor der eigenen Haustür ist inzwischen sprichwörtlich geworden. Und sie erfreut sich einer wachsenden Beliebtheit. Warum? Weil man dabei viel Zeit und Geld sparen kann? Vielleicht. Aber sicher auch, weil das Interesse an unserer direkten Umwelt wächst, zumindest in bestimmten Kreisen. Das ist auch dringend wieder notwendig. Wir kennen zwar exotische Tierarten, erkennen den Amazonas und den Himalaya auf jedem Bild, aber die Libelle am eigenen Gartenteich? Das Moor im Nachbarort? Wissen wir, welche Arten auf der letzten bunten Blumenwiese hinterm Haus blühen? Meistens nicht. Und genau das ist das Problem. Wir schützen nur, was wir kennen. Dass die Arktis mit ihren Eisbären bedroht ist, wird uns regelmäßig gesagt, ebenso der Regenwald in Südamerika. Aber wer klärt uns auf, über die Wiese hinter unserem Haus? Wenn dort überhaupt noch eine ist. Ältere werden belächelt, wenn sie eine Erzählung einleiten mit den Worten: „In meiner Jugend hat es noch viel mehr Blumen auf unseren Wiesen gegeben.“ Aber sie haben vermutlich recht. Was hat die industrialisierte Landwirtschaft übrig gelassen, wer hat Kunstdünger und fünffacher Mahd getrotzt? Vielleicht der Löwenzahn. Vielleicht. Wenn selbst der nicht mehr wächst und bayerische Wiesen aussehen wie gründe irische Hügel, dann – spätestens dann – muss einem ein Licht aufgehen. Dann muss man zugeben: Ja, früher war es anders. Vielleicht auch besser. Man schützt nur, was man kennt. Und genau das ist der Antrieb vieler Naturfotografen, ihre Motivation, der Grund, jedes Wochenende lange vor Sonnenaufgang aufzustehen, hinauszugehen und zu warten, bis das erste Licht den letzten Rest Natur erhellt. Sie wollen festhalten, was geblieben ist, zeigen, wie schön und schützenswert es ist. In der Hoffnung, dass ihre Botschaft ankommt.

 

Aber es ist nicht alles so schwarz und duster. Wäre ja auch schlimm. Es ist nicht die alleinige Aufgabe der Naturfotografen-Riege, das festzuhalten, was ohnehin schon verloren scheint. Nein, viele Naturfotografen gehen deswegen immer wieder aufs Neue hinaus, weil es ihnen ganz einfach riesigen Spaß macht. Weil sie das Naturerlebnis genießen wollen, die Ruhe und Stille der Morgen- und Abendstunden, weil sie die Einsamkeit schätzen, das Fernabsein von der Hektik des Alltags, am Besten auch noch ohne Handyempfang. Naturfotografie kann so etwas wie eine Therapie sein. Du lässt Aktenstapel und Stress zurück, verlierst Dich im Blick durch den Sucher, in der Weite der Landschaft oder in den Details einer kleinen, zarten Blume. Klaus Nigge hat seinen Vortrag beim Internationalen Naturfotofestival in Lünen 2015 „Story Obsession“ genannt. Ein adäquater deutscher Titel habe sich nicht finden lassen. Und das ist vielmehr als eine Ausflucht oder eine Erklärung für den gewählten Anglizismus. Es gibt im Deutschen schlichtweg wirklich keine Entsprechung, die das wiedergeben könnte, was das englische obsession meint. Emotion? Besessenheit? Hingabe? Jeder dieser drei Begriffe trifft einen Teil der Aussage, keiner aber trifft sie genau. obsession ist von allem ein Stückchen und doch nichts. Aber: Wer erst einmal vom Fieber gepackt ist, vom Virus Naturfotografie infiziert wurde, den lässt diese Liebe so schnell wohl nicht mehr los.

 

Diese Leidenschaft kann verschiedene Ausformungen annehmen. Es gibt unterschiedliche Arten, Naturfotografie zu betreiben – mitunter prallen hier Welten, Philosophien und Selbstverständnisse aufeinander – und damit gibt es auch unterschiedliche Typen Naturfotografen. In der Gruppe loszuziehen ist damit immer ein Ringen, ein Kompromiss, ein Geben und ein Nehmen. Spontan fallen mir folgende Gattungen von Naturfotografen ein: Traditionalisten, Sammler, Kreative, Akribische, Extreme, Ehrgeizlinge – und leider auch, die schwarzen Schafe…

(alx), Februar 2016

 


Willkommen auf unserer Homepage

Aufstehen, wenn andere gerade erst ins Bett gehen; in Wind und Kälte warten, wenn andere sich im kuscheligen Bett noch einmal umdrehen und dann unterwegs sein, wenn andere lieber im Trockenen bleiben – rein objektiv betrachtet, können viele sich wohl ein angenehmeres Hobby vorstellen als die Naturfotografie.  Aber, die besten Bilder entstehen eben nicht bei Sonnenschein und 30 Grad im Schatten. Und auch sonst hat Naturfotografie so einiges zu bieten: Viel Bewegung und viel frische Luft, das wirkt für die einen wie Medizin, für die anderen ist sie Therapie und Erholung vom Alltagsstress und die nächsten schätzen einfach nur das Naturerlebnis. Für uns ist sie von allem etwas. Der Fotorucksack ist nicht nur das wichtigste Reisegepäck, auch am Wochenende zieht es uns hinaus: Mal in die Berge, mal in die Urwälder des Bayerischen Waldes oder auch nur in die Wiese hinterm Haus.  Natur. Wildnis. Das sind keine Dinge, die erst im Amazonasdelta oder in der Serengeti beginnen. Natur erleben und Wildnis entdecken, das klappt auch schon vor der eigenen Haustür. Was bei unseren Streifzügen durch die Natur herauskommt, seht Ihr auf diesen Seiten.